Von der Erziehung im Training zur Beziehung in der Ausbildung

 In Aktivitäten

Eine Weiterbildungsreihe für Auszubildende führt zu einer Kulturentwicklung für Ausbilder

Es ist ein lauer Sommertag im Juni 2014. Ich freue mich immer wieder, wenn ich die A8 über den Irschenberg in Richtung Salzburg fahren darf – vor allem bei so einem Wetter. Der Moment, in dem die zweispurige Autobahn den Blick über das gesamte Chiemgau freigibt ist einfach sagenhaft. Natur, Tradition, die Nähe zu München – kein Wunder, dass meine Ansprechpartnerin bei diesem regional verwurzelten Industrieunternehmen über ein Projekt zu sozialer Verantwortung sprechen möchte.  Mein Termin mit Frau Mayer (Name geändert) war kurzfristig entstanden. Sie hatte die neu geschaffene Stelle Personalentwicklung erst vor kurzem angetreten. Mit Ihrer langjährigen PE-Erfahrung aus einem DAX 30 Unternehmen und familiär geprägtem Wertesystem, sollte sie zukünftig das Thema Personalentwicklung im neuen Unternehmen vorantreiben.

In Rosenheim angekommen, erklärt sie mir ihr Anliegen. Sie hat nach ersten Gesprächen mit der Geschäftsführung noch für dieses Jahr ein Budget für ein Softskilltraining mit Auszubildenden verhandeln können. „Die haben hier so etwas noch nie gemacht“ schildert sie mir. Unser Gespräch verläuft sofort auf Augenhöhe, denn wir erkennen beide, dass es nicht einfach um dieses eine Training im Herbst geht, sondern um das Bestreben nach einer Veränderung.  Nach zwei Stunden visionärem Denken und Konzeptionierung stand also die Idee für eine erste gemeinsame Veranstaltung im Herbsts 2014. Nun, im Januar 2017 werde ich zum ersten Mal ihre Nachfolgerin treffen. Frau Mayer hat das Unternehmen zwischenzeitlich verlassen. In dieser Zeit hat sich einiges geändert und die angestrebte Veränderung wird tatsächlich von mehr Menschen mitgetragen als ursprünglich gedacht.

Wir können an diesen zwei Herbsttagen im September 2014 genau beobachten, wie die Auszubildenden dieses Format annehmen und wohin auch die Richtung für weitere Veranstaltungen gehen könnte. In mehreren Nachbereitungsgesprächen werten wir die gemachten Erfahrungen aus, stimmen diese mit der geplanten Strategie ab und sammeln Ideen für das nächste Training in 2015. Das selbe Vorgehen machen wir auch für das dritte Training in 2016. Laut unserer Strategie wollen wir danach eine Bedarfsumfrage mit den Niederlassungen machen, um zu erkennen wo als erstes Lern- oder Entwicklungsbedarf besteht.

September 2016: Die Nacht ist klar und man sieht die Sterne über dem Zeller See im Pinzgau. „Ja, Frau Mayer hatte bestimmt ihre Gründe, wieso sie uns verlassen hat.“ erzählt mir der Leiter der Personalabteilung des Unternehmens, bei unserem abendlichen Spaziergang. Es war wieder ein wunderbarer erster Trainingstag, nun mit allen Auszubildenden aus den Standorten in Deutschland und Österreich. Frau Mayer hatte auch diese Veranstaltung noch mitgestaltet, doch sie hat kurz zuvor das Unternehmen verlassen. Während wir am Ufer entlangschlendern, merke ich ihrem Chef die Betrübtheit an. So wende ich das Gespräch ab in eine eher persönliche Richtung. Wir sprechen über unseren beruflichen Einstieg, über Sport über erstaunliche Bekanntschaften und über Achtsamkeit. Plötzlich bleibt Michael (wir duzen und mittlerweile) stehen. Sein Blick wirkt wieder betrübt. „Weißt du Markus, nun wo Frau Mayer weg ist bin ich wieder der Einzige mit der Idee unsere Personalentwicklung voranzutreiben. Und wenn ich mir diese Welt so ansehe, frage ich mich ernsthaft, was ich als einzelner schon bewirken kann. Unsere Geschäftsführung basiert auf Zahlen. Vom Spirit der Gründer ist schon lange nichts mehr zu spüren. Wir wissen noch nicht, was wir mit der Stelle machen. Ich fürchte, wenn wir so weitermachen, werden wir nicht nur bald keine Fachkräfte mehr bekommen, sondern sie auch mehr und mehr an die regionale Konkurrenz verlieren. So wie Frau Mayer auch.“

Es war still, man konnte in mitten des Naturschutzgebietes nur die Grillen zirpen hören. Wir setzten uns auf eine Bank, die am Rand des Weges stand und nach einiger Zeit konnte ich das Gespräch wieder weiterführen.

Mir viel nichts wirklich Passendes ein, so fragte ich: „Michael darf ich dir eine Rückmeldung geben? Keine Persönliche, aber etwas das mir heute wieder aufgefallen ist.“ „Na klar, jederzeit.“ Und so berichtete ich ihm, was ich über die Trainings der letzten Jahre beobachten konnte, vor allem in Bezug auf seine Kollegen aus der Berufsausbildung. Ich erzählte ihm das es auf mich so wirkt als machten sie ihren Job wirklich gerne und setzten sich in vielen Punkten für die Azubis ein. Dass ich aber den Eindruck habe, als fehle ihnen die Führung, als wüssten sie außer der fachlichen Wissensvermittlung nicht so recht, wohin sie ihre Auszubildenden entwickeln sollen. Ein Beispiel war ein Ruhe-Experiment bei der Fackelwanderung heute Abend. Alle sollten für eine Minute möglichst still sein und die Natur genießen. Natürlich ging das nur teilweise gut. Aber der erste, der sich einen unpassenden Scherz erlaubte war kein Azubi, sondern ein Ausbilder. Und ich erzählte Michael von Karl Valentin, der gerne zitiert wird mit: Wir brauchen unsere Kinder nicht erziehen, sie machen uns sowieso alles nach.

Ich spiegelte ihm wieder, dass die Ausbilder scheinbar mit ihren Mitteln und Methoden in einer Sackgasse stünden, aus der sie gerne raus wollen, aber selbst keinen Ausweg sehen. Die Frage ist nun, ob und wie wir mit Trainings weitermachen sollen oder ob es einer anderen Strategie bedarf. Und so kamen wir auf die Kultur und auf die Werte des Unternehmens und welche Unklarheit, die Mitarbeiter diesbezüglich hätten und dass von oben niemals eine Entwicklung in dieser Richtung erfolgen würde.

Ich stellte Michael die Frage, die ich auch Frau Mayer 2014 schon einmal gestellt hatte: „Was sollte denn nach unserer Zusammenarbeit anders sein? Wo genau könntest du dann einen Unterschied erkennen?“ Nach einer Weile erzählte er mir von seiner Ausbildungszeit und dass er nun als Leiter der Personalabteilung gemerkt habe, dass sich seit damals in der Art und Weise, wie die Ausbildung im Betrieb gestaltet wird nicht viel geändert hat. Und dann brachte er es zum Ausdruck: „Wir wollen unsere zukünftigen Kollegen nicht erziehen. Wir sind keine wilden Hunde mehr. Nicht mehr der Schlag von Ausbildern die mit Belohnung und Bestrafung hantieren. Wir wollen eine kollegiale Art, die uns erlaubt, unsere Arbeit sauber zu erledigen und trotzdem Spaß zu haben. Eine gute Beziehung. Punkt.“ „Und würde es deine Vorhaben wesentlich erleichtern, wenn die Ausbilder diese Sicht teilten?“ „Ich bin nicht sicher. Also ja, das wäre natürlich ein richtig guter Grund, um weiter zu machen. Aber ich denke so etwas wurden sie noch nie gefragt. Ich bin nicht sicher, ob sie mich verstehen. Das heißt ja letztlich, dass zuerst sie sich in ihrer Art verändern müssten.“

15 Minuten später sitzen wir auf der Uferterrasse unseres Seehotels, mitten unter allen Ausbildern. Wir blicken uns an und nutzten die Gunst der Stunde um ein Gespräch mit allen zu starten. Wir erzählen von unserer Beobachtung und unserem Gespräch eben und schließlich war Michael in einen Monolog geraten „…und dann müssen wir halt Vorbild sein und uns selbst auch einmal hinterfragen. Nur hat das bei uns bis jetzt halt keiner gemacht. Jetzt sitzen wir hier zum ersten Mal alle zusammen und mich interessiert ganz einfach ob ihr das auch so seht.“ Es herrschte Stille. Keiner traute sich nur einen Mucks zu machen. Und dann, … fingen ein, zwei, drei und plötzlich alle an zu klatschen. Tosender Beifall! Ich hatte schon lange nicht mehr so viel Euphorie und Stimmigkeit erlebt, wie an diesem Abend in Zell am See.

Mittlerweile schreiben Michael und ich regelmäßige What´s App Nachrichten und können es gar nicht erwarten, wieder einen Schritt weiter zu gehen, nun wo wir auch die Ausbilder mit im Boot haben.

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